Wie wird man abhängig?
Sucht ist eine krankhafte, zwanghafte Abhängigkeit von Stoffen wie zum
Beispiel von Alkohol oder Cannabis. Aber auch von speziellen Verhaltensweisen
wie zum Beispiel Mager-, Spiel-, Kauf- oder Computersucht, als stoffungebundene
Abhängigkeit. Man unterscheidet bei der Sucht zwischen seelischer
(psychischer) und körperlicher (physischer) Abhängigkeit.
Dabei gibt es viele einzelne Schritte und gefährliche Übergänge: Wann hört
der normale Gebrauch eines Mittels auf? Wo fängt der Missbrauch an? Ab wann
wird ein Mittel gewohnheitsmäßig konsumiert? Wo beginnt die Abhängigkeit, die
Sucht?
Unter Gebrauch wird
die sinnvolle Verwendung von Suchtmitteln verstanden. Das bezieht sich
sowohl auf den gelegentlichen Konsum, als auch auf andere
Verwendungsarten (zum Beispiel Alkohol zur Wunddesinfektion)
Als Genuss wird
definiert, wenn das Mittel zwar nicht benötigt wird, bei Gebrauch aber als
angenehm empfunden wird (mal ein Glas Bier, Wein etc.).
Der Missbrauch ist
gekennzeichnet durch eine schädliche Verwendung quantitativer oder
qualitativer Art („sich sinnlos zu betrinken" oder Alkohol im
Straßenverkehr bzw. Trunkenheit am Arbeitsplatz).
Als Gewöhnung wird
die physische oder psychische Bindung an ein Suchtmittel bezeichnet
(jemand „braucht" sein Bier, um abends abzuschalten).
Aus der Gewöhnung folgt dann meistens ein fließender Übergang in die Abhängigkeit.
Der Betroffene bemerkt das selbst oft gar nicht so bewusst. Sehr schnell kann
durch "Lernen am Erfolg" aus einem erstmaligen Gebrauch eine
Gewöhnung oder schlimmstenfalls eine Abhängigkeit entstehen.
Dazu ein Beispiel:
Vor einer wichtigen Klassenarbeit ist Katrin unheimlich nervös, obwohl sie
eigentlich fleißig gelernt hat. Deshalb gibt ihr die Mutter eine halbe
Beruhigungstablette. Die Klassenarbeit gelingt. Nun nimmt sie auch vor der
nächsten, übernächsten und den weiteren Arbeiten eine Beruhigungstablette. Denn
Katrin hat gelernt: Wenn ich vor einer Klassenarbeit oder Prüfung aufgeregt
bin, nehme ich vorher einfach eine Tablette zur Beruhigung. Und das überträgt
sie auf jede neue Anforderung. Es geht nicht mehr ohne Tablette. Katrin ist
in eine psychische Abhängigkeit geraten.
Der Körper „erinnert" sich - man spricht daher vom so genannten Suchtgedächtnis
- bei allen Suchtmitteln an die eintretende Wirkung. So beispielsweise beim
Alkohol an den beruhigenden, entspannenden Effekt als „Belohnung" oder zum
Abschalten nach einem hartem Arbeitstag oder an die enthemmende Wirkung auf
einer Party oder in einer Disco, wenn man sich nach ein bis zwei Gläsern
Schnaps gar nicht mehr geniert, ein Mädchen (oder einen Jungen) anzusprechen
oder allein auf die Tanzfläche zu stürmen und sogar zu der schlechtesten Musik
wild zu tanzen.
Das Suchtgedächtnis sorgt dann dafür, dass der Körper dieses Suchtmittel
nach anhaltendem Missbrauch später immer wieder (Suchtdruck) in entsprechenden
ähnlichen Situationen verlangt - jedenfalls, wenn er nicht gelernt hat, wie er
dieselben Effekte ohne ein Suchtmittel erzielen kann. Das wären zum Beispiel
Yoga- oder Entspannungsübungen zur Beruhigung.
Die Situationen der Suchtmitteleinnahme werden mit der Zeit immer
alltäglicher, die Anlässe immer geringer, bis die Droge gewohnheitsmäßig
durchgehend eingenommen wird, da ohne sie später „nichts mehr läuft" oder
man gar nichts mehr „auf die Reihe" kriegt. Man hat sich dann quasi
selbst konditioniert wie ein Pawlowscher Hund, hat dieses eher negative
Verhaltensmuster erlernt und leider hat es sich dann bereits verfestigt
(manifestiert). Meistens ist es dummerweise nicht so einfach, eine solche
Manifestation oder Konditionierung wieder los zu werden.
Das führt in der Regel zu einer oder mehreren der folgenden
Ursache-Mittel-Wirkungs-Verknüpfungen, von denen es natürlich noch etliche
andere Varianten gibt:
Disco + Schüchternheit =
Alkohol
Job + Stress =
Nikotin/Cannabis
Job + Ärger = Alkohol
Liebe + Frust =
Alkohol/Cannabis
Langeweile + Neugier =
Cannabis/Ecstasy
Psychische Abhängigkeit liegt vor, wenn man um JEDEN Preis sein
Suchtmittel beschaffen will oder muss. Man engt sein Verhalten durch die Droge
selbst ein und verliert immer mehr das Interesse an anderen Menschen.
Bei physischer Abhängigkeit reagiert der Körper auf die ständige
Zufuhr des Suchtmittels und stellt den Stoffwechsel entsprechend um. Die Droge
wird dann regelrecht in den Stoffwechsel eingebaut. Wird das Suchtmittel nicht
mehr zugeführt (entzogen), reagiert der Körper mit Entzugserscheinungen, die
abklingen, wenn das Suchtmittel erneut eingenommen wird. Die Gewöhnung mit
Toleranzbildung (Erhöhung der Menge) ist das Alarmzeichen für eine riskante
körperliche Abhängigkeit. Vom Körper werden dann immer höhere Dosen
„toleriert" oder besser gesagt ohne Vergiftungserscheinungen vertragen und
verlangt, die beim ungewohnten Konsumenten im wahrsten Sinne des Wortes zu einer
Rauschgift-Vergiftung oder sogar zum Tode führen könnten.
Persönlichkeits-Faktoren, die zur Entwicklung eines Suchtverhaltens führen
können aber nicht müssen, sind oftmals Passivität, Unselbstständigkeit,
mangelndes Selbstvertrauen, fehlende Konfliktbereitschaft und
Durchhaltevermögen, zu hohe Leistungsansprüche an sich oder
Kontaktschwierigkeiten.
Typische Entzugssymptome bei Abhängigkeit sind innere Unruhe, Schwitzen,
Nervosität, Frieren, Übelkeit, Erbrechen und allgemeine Schmerzen.
Was ist eine stoffungebundene Abhängigkeit?
Manche Verhaltensweisen und Handlungen können ebenso süchtig machen wie Drogen.
Zu diesen Süchten gehören:
Ess-Brech-Sucht
Magersucht
Fettsucht
Kaufsucht/Konsumzwang
Arbeitssucht
Spielsucht
Fernsehsucht
Computersucht
Sportsucht
E-Mail-, SMS-, Telefonier-
oder Chatsucht
Der Süchtige will das Verhalten oder die Handlung immer wieder ausführen.
Dadurch kann er ein Lustgefühl erreichen oder zumindest ein Unlustgefühl
vermeiden.
Was ist Co-Abhängigkeit?
Wenn Menschen süchtig werden, sind sie nicht die einzigen Betroffenen der
Sucht. Auch Familienmitglieder und enge Freunde werden mit einbezogen oder mit
hinein gezogen. Sie bekommen mit, wie die Süchtigen ihre Gesundheit ruinieren
und leiden zwangsläufig mit.
Besonders schlimm dabei ist es, dass die Abhängigen oft zu "anderen
Menschen werden", sich negativ verändern, ihre Launen nicht mehr unter
Kontrolle haben, sich zu Hause gehen lassen und mit Wutanfällen und
Gewaltausbrüchen das Familienleben vergiften. Oft kommen Arbeitslosigkeit und
damit verbundene Geldprobleme dazu.
Eltern, Ehepartner, Kinder und Freunde versuchen, den Betroffenen
von seiner Sucht abzubringen. Das funktioniert meistens nicht, weil der
Süchtige sich nicht durch Bitten und Drohen heilen lässt. Die Angehörigen fühlen
sich schuldig, weil sie nichts tun können. Sie werden zu Mitgefangenen der
Sucht. Vor allem wenn sie dem Süchtigen sehr nahe stehen, nennt man sie
Co-Abhängige.'Co' kommt aus dem Lateinischen 'con' und heißt 'mit'. Deshalb
sagt man, dass Sucht eine Familienkrankheit ist.
Ein Süchtiger kann sich nur selbst helfen. Dazu muss er aber überhaupt erst
den ganz konkreten „Wunsch" (eher Drang) entwickeln, die Notwendigkeit für
sich erkennen, ohne Drogen leben zu wollen. Ohne dem geht gar nichts. Und
nichts und niemand kann einem Abhängigen helfen, wenn dieser Wille fehlt. Auch
die Liebe kann da nicht viel ausrichten. Deshalb dürfen sich Angehörige eines
Süchtigen - wie Eltern, Kinder, Ehepartner, Kollegen oder Freunde - nicht
schuldig fühlen, weil sie nicht helfen können! Sie können nur da sein, wenn der
Betroffene sie braucht, zum Beispiel während er eine Therapie macht oder eine
erfolgreich abgeschlossen hat. Häufig reicht aber eine Therapie nicht aus.
Dessen sollte man sich bewusst sein. Rückfälle sind keine Seltenheit. Und doch
schaffen es viele Menschen, wenn sie wirklich wollen.
Hilfe bei Co-Abhängigkeit
bei Suchtproblemen in der
Familie vertraute Personen wie den Vertrauenslehrer, Schulpsychologen etc.
ansprechen oder Beratungsstellen
um Hilfe bitten. Denn oft ist es
einfacher, sich an Außenstehende
als an Verwandte zu wenden.
„Hilfe durch
Nichthilfe" heißt nicht, den Suchtkranken im Stich zu lassen.
Aber erst wenn der Leidensdruck beim Süchtigen groß genug ist,
kann dies
dazu führen, dass er selbst etwas ändern will.
Denn den Willen zur
Abstinenz kann nur der Betroffene selbst aufbringen.
Sich im Klaren sein, dass
Sucht eine Krankheit ist, durch die der Abhängige oftmals die Kontrolle
über sich verliert.
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